Folge 39 – Rekordhitze in Deutschland

Migräne im Ausnahmezustand

Im Juni fegte eine rekordverdächtige Hitzewelle über Europa hinweg. In Deutschland wurde in diesem Zeitraum mit 41,3 Grad die höchste Temperatur registriert, die hierzulande jemals gemessen wurde. Vor vielen Freibädern bildeten sich stundenlange Warteschlangen, Ventilatoren waren vorrübergehend ausverkauft und trotzdem herrschten in weiten Teilen der Gesellschaft positive Summer Vibes. Anders sah es hingegen bei den chronisch kranken Menschen aus, da die Hitze unter anderem den Kreislauf stark belastet und die Wirkung von Medikamenten beeinflussen kann. Diana hat den meteorologischen Ausnahmezustand für uns aus der Sicht einer Betroffenen von chronischer Migräne Revue passieren lassen.

Ich mag trockene Hitze. Auf Reisen zieht es mich daher immer wieder in karge Wüstenlandschaften. Nach dem Fachabi bestaunte ich den Uluru in der australischen Great Victoria Desert, während des Studiums durchquerte ich in einem Geländewagen einen Teil der Sahara und vor vier Jahren bin ich im US-amerikanischen Death Valley bei 51 Grad an meine körperlichen Grenzen gekommen.

Als Migränikerin vertrage ich trockene Hitze besser als tropische Schwüle und hohe Luftfeuchtigkeit – vor allem plötzliche Temperaturschwankungen machen mir zu schaffen. Der deutsche Sommer bekommt mir daher meist weniger gut als die extreme Hitze in anderen Teilen der Erde. Der Grund dafür ist die hiesige Unbeständigkeit. Hierzulande klingt eine Hitzewelle nicht langsam ab – sie wird meist über Nacht von einem starken Gewitter beendet, wodurch die Temperaturen abrupt um bis zu 15 Grad fallen können. Da kommt mein Nervensystem nicht mehr mit.

Als vor zwei Wochen die rekordverdächtige Hitzewelle auf uns zurollte, machten mir die angekündigten Spitzenwerte daher weniger Sorgen als die bevorstehende Achterbahnfahrt auf dem Thermometer. Doch ich habe die Auswirkungen der anhaltenden Höchsttemperaturen unterschätzt. Während ich als Touristin im Ausland das Privileg habe, mich in klimatisierten Unterbringungen abkühlen und nachts Schlaf finden zu können, sind in Deutschland nur die wenigsten Wohnungen auf große Hitze ausgelegt. Im Erdgeschoss habe ich zwar den Vorteil, dass die Temperatur nur langsam steigt, doch einmal aufgeheizt, ist es kaum auszuhalten.

»Hierzulande klingt eine Hitzewelle nicht langsam ab – sie wird meist von einem starken Gewitter beendet, wodurch die Temperaturen um bis zu 15 Grad fallen können. Da kommt mein Nervensystem nicht mehr mit.«

Bioenergetisches Defizit

So habe ich auch diesmal tagsüber alle Fenster geschlossen und die Vorhänge zugezogen, um die Hitze möglichst lange auszusperren. Doch spätestens nach fünf heißen Tagen in Folge war nichts mehr zu machen – die Wohnung glich einem Brutkasten. So schwitzte ich im Homeoffice vor mich hin, während der Wind und das permanente Surren des Ventilators meine Reizverarbeitung an ihre Grenzen brachten.

Grundsätzlich ist das kein Migräne-Problem: Den meisten Menschen fällt es im Sommer schwer, genug zu trinken und bei Kräften zu bleiben. Spätestens, wenn die Außentemperatur unsere Körpertemperatur übersteigt, arbeitet unser Gehirn auf Hochtouren. Dabei werden körpereigene Kühlmechanismen aktiviert, um einen Hitzschlag zu vermeiden – angefangen bei einer Erweiterung der Blutgefäße, um mehr Hitze über die Haut abzugeben, bis hin zu vermehrtem Schwitzen, da das Verdunsten des Schweißfilms unseren Körper herunterkühlt. Diese überlebenswichtigen Prozesse verbrauchen sehr viel Energie, was sich an heißen Tagen auch auf unsere kognitive Leistungsfähigkeit auswirkt. Sprich, die Konzentration lässt nach, unsere Entscheidungsfähigkeit sinkt und für komplexe Denkprozesse fehlt uns zunehmend die Kraft.

Für Migräniker*innen wie mich kann das fatale Folgen haben, da wir generell mit einem veränderten Energiestoffwechsel zu kämpfen haben. Das heißt, unsere Nervenzellen sind besonders sensibel und anfällig für eine Reizüberflutung, weshalb wir uns permanent sehr nah an unserer Belastungsgrenze bewegen. Temperaturen über 36 Grad sind für Betroffene daher nicht nur bloß warm – sie setzen physische Kettenreaktionen in Gang, die zu einem bioenergetischen Defizit führen und so schwere Migräneattacken auslösen können.

Thema: Migräne und Rekordhitze im Sommer

Hitzebedingte Migränetrigger

Da der Höhepunkt der besagten Hitzewelle fürs darauffolgende Wochenende angekündigt war, bin ich kurzerhand, samt Mann und Hund, zu meiner Mutter aufs Land geflüchtet. Dort war es tagsüber zwar auch unerträglich heiß, doch spätestens am Abend war der Unterschied zur Stadt deutlich spürbar. Während die Häuser und Straßen in der Metropolregion die Hitze tagsüber speichern und die Beton- und Asphaltflächen sie in den Abendstunden wieder abgeben, gehen die Temperaturen auf dem Dorf – zwischen Wiesen, Wald und Feldern – nach Sonnenuntergang spürbar runter. Diese Nachtabsenkung wirkt sich positiv auf den Schlaf aus, da man dort nachts besser lüften (und somit auch besser atmen) kann. Allein das ist in puncto Migräne viel wert, da langes Wachliegen und fehlende Tiefschlafphasen die Regeneration des Nervensystems verhindern und ein gestörter Schlafrhythmus bekanntlich schnell zum Trigger werden kann.

Auch tagsüber war es angenehmer, draußen im Schatten zu liegen und sich ab und zu mit dem Gartenschlauch abspritzen zu können, anstatt in der aufgeheizten Stadtwohnung die Zeit totzuschlagen. Doch als das Thermometer schließlich die 40-Grad-Marke knackte, war es auch dort kaum auszuhalten.

Ich konnte gar nicht so viel trinken, wie ich (im Schatten liegend!) ausschwitzte – und das stresste mich, da Dehydrierung und Elektrolyte-Verlust das Migränerisiko zusätzlich erhöhen. Lesen war unmöglich, da der Inhalt der Sätze es nicht mehr schaffte, bis in mein Hirn vorzudringen. Und das grelle Sonnenlicht, das durch die Äste über mir brach, tat sein Übriges. Überhaupt ist die sensorische Belastung bei starker Hitze nicht zu vernachlässigen: flimmernde Luft, eiskalte Getränke, blendende Hausfassaden, nasse Kleidung, duftende Sonnencreme, der Druck der Sonnenbrille – all das kommt zu dem physischen Ausnahmezustand noch hinzu. Umso verwunderlicher, dass ich es vollkommen schmerzfrei durch die Rekordhitze geschafft habe.

»Flimmernde Luft, eiskalte Getränke, blendende Hausfassaden, nasse Kleidung, duftende Sonnencreme, der Druck der Sonnenbrille – die sensorische Belastung ist bei starker Hitze enorm.«

Vorsorge ist besser als Nachsorge

Ich bin dankbar, dass ich diesmal davongekommen bin, doch ich wähne mich nicht in Sicherheit. Dafür gibt es zu viele unbekannte Variablen, die ich auch künftig weder vorhersehen noch berücksichtigen kann – einem Tiefdruckgebiet aufgrund eines herannahenden Gewitters werde ich beispielsweise immer ausgesetzt sein.

Aber es hat mir vermutlich geholfen, den Stecker zu ziehen und mein Stresslevel an jenem Wochenende auf Null herunterzufahren. Im Bewusstsein darüber, dass sich mein Hypothalamus und mein Nervensystem bei der Hitze ohnehin im Ausnahmezustand befinden werden, habe ich alles andere hintenangestellt und mich in den Überlebensmodus begeben. Das heißt, ich habe mein tägliches Schrittziel vorrübergehend über Bord geworfen und unnötige Wege vermieden. Ich habe viel getrunken, regelmäßig kleine Snacks zu mir genommen, meine Sonnenbrille auch im Schatten getragen und sowohl auf Musik als auch auf anspruchsvolle Lektüre verzichtet.

Natürlich wird es mir schon allein aus beruflichen Gründen nicht immer möglich sein, mich ins Exil zu begeben, wenn eine Hitzewelle im Anmarsch ist. Doch es lohnt sich definitiv, die äußeren Reize in der Umgebung zu analysieren und das Nervensystem zu entlasten, wo es geht. Am Ende ist es manchmal ein einziger weiterer Trigger, der den Schalter umlegt und eine Migräne entfacht. Demnach kann auch ein einziger vermiedener Außenreiz das Gegenteil bewirken und uns vor einer Attacke bewahren. In diesem Sinne: Passt auf euch auf und kommt gut durch den Sommer!

Diana Ringelsiep
Journalistin, Autorin und Migräne-Patientin
Kolumne: #mittwochsistmigräne

Ich lebe seit über 20 Jahren mit Migräne und habe es mir zur Aufgabe gemacht hat, über die neurologische Erkrankung aufzuklären und Vorurteile abzubauen. Auf dass Betroffene sich weniger einsam und Angehörige weniger hilflos fühlen.
  • Jahrgang 1985
  • Kulturjournalistin, M. A. (2012)
  • Wohnhaft in Essen
www.diana-ringelsiep.de
Foto: Manuel Paulus