Folge 40 – Migräne ≠ Migräne

Die zehn Eskalationsstufen einer Attacke

In den Sozialen Medien kommentieren Unwissende oft: »Wenn du wirklich Migräne hättest, könntest du gar nicht mehr reden, geschweige denn arbeiten.« Dabei handelt es sich um ein hartnäckiges Narrativ, das rund 90 Prozent des Krankheitsbildes unsichtbar macht. Zum einen kann die Schmerzintensität von Attacke zu Attacke variieren, zum anderen handelt es sich bei Migräne um eine komplexe neurobiologische Funktionsstörung des Gehirns, mit der zahlreiche weitere Symptome und sensorische Störungen einhergehen. Außenstehende bemerken daher oft nicht einmal, dass ihr Gegenüber gerade mit starken Symptomen kämpft. Diana hat uns einen Einblick gegeben, wie die verschiedenen Eskalationsstufen einer Migräne aussehen können.

1) Seltsame Vorzeichen

Dieses Stadium vergleiche ich gerne mit einer über mir schwebenden Migränewolke. Da ist noch kein Schmerz, maximal ein leichtes Ziehen, dennoch überkommt mich eine Art Vorahnung. Ein gesunder Mensch würde vermutlich nicht mal registrieren, dass etwas nicht stimmt, doch ich bin in Alarmbereitschaft. Plötzlich riecht alles unangenehm, ohne dass ich die Ursache ausmachen kann. Ich bin tollpatschiger als sonst, nehme jede Kante mit und lasse alles fallen. Außerdem blendet mich das diffuse Licht, das zum Fenster hereinfällt und seit wann ist der verdammte Computerbildschirm eigentlich so hell? Vorsorglich trinke ich ein großes Glas Wasser und muss über mich selbst lachen: Als ob das jemals geholfen hätte.

2) Bitte nur Kopfschmerzen

Inzwischen zeichnet sich ein deutlicher Spannungskopfschmerz ab, der eben noch nicht da war. Er ist schwer zu lokalisieren, aber immerhin bleibt das typische einseitige Migräne-Pochen aus. Vielleicht habe ich ja Glück und es handelt sich um stinknormale 0-8-15-Kopfschmerzen. In der Hoffnung, sie im Keim ersticken zu können, nehme ich heimlich eine Ibu. Die anderen müssen davon nichts mitbekommen, ich will sie nicht unnötig beunruhigen. Doch die Kopfschmerzen werden stärker. Hätte ich besser direkt ein Triptan nehmen sollen? Nein, alles richtig gemacht, ich kann ja nicht gleich mit Kanonen auf Spatzen schießen. In einer halben Stunde sind die Beschwerden bestimmt verflogen. Bis dahin: durchhalten!

Point of no return

3) Traurige Gewissheit

Die halbe Stunde ist fast um, doch keine Wirkung in Sicht. Noch merkt mir niemand an, dass meine innere Ursachenforschung auf Hochtouren läuft und bereits erste sensorische Störungen hinzukommen. Ich werde stiller und rede mir weiterhin ein, dass alles gut wird. Wahrscheinlich habe ich bloß schlecht geschlafen und bin etwas empfindlich heute. Mein rechtes Auge flimmert und mein Nacken versteift sich, aber ich will es noch nicht wahrhaben. Vielleicht sollte ich neue Kopfkissen kaufen! Doch dann weitet sich die schmerzhafte Verspannung innerhalb weniger Minuten auf die Schultern aus – ein unmissverständliches Migräne-Vorzeichen. Moment mal, was sagt eigentlich meine Zyklus-App? Eisprung! Spätestens jetzt weiß ich, dass mein Zustand jederzeit kippen kann.

4) Die Uhr tickt

Mir läuft die Zeit davon, denn für Triptane gilt: Je früher die Einnahme, desto besser! Die Kopfschmerzen wandern bereits auf die rechte Kopfseite, wo sie sich hinter meiner Schläfe festsetzen. 40 Minuten sind seit der Tabletten-Einnahme vergangen. Wie konnte ich nur so dumm sein und bloß eine Ibu nehmen? Nicht nur, dass ich wertvolle Zeit verloren habe – es war auch total unnötig, denn jetzt werde ich ein Triptan hinterherwerfen müssen und meinen Körper doppelt belasten. Aber welches nehme ich? Ich entscheide mich für das schneller wirkende Nasenspray, dass die erweiterten Blutgefäße in meinem Gehirn verengt und die Weiterleitung der Schmerzsignale unterbricht. In meinem Umfeld kommt es derweil zu ersten besorgten Nachfragen: »Geht es dir gut?«

5) Jetzt wird verhandelt

Ich wünschte, ich könnte mich einfach hinlegen, bis das Triptan anschlägt. Stattdessen widme ich mich der Schadensbegrenzung: Was muss ich noch erledigen, bevor mich die Migräne endgültig niederstreckt? Was lässt sich auf morgen verschieben? Da ich nicht weiß, für wie viele Stunden ich ausfallen werde, muss der Hund noch kurz mal raus. Die anstehenden Zoom-Meetings kann ich von unterwegs absagen. Außerdem sollte ich noch mal in den Supermarkt springen, um mir Getränke und Snacks für den Migränekater danach zu besorgen. Meine Reizverarbeitungsstörung ist mittlerweile on fire. Warum schreit die Kassiererin so? Und wie kann man nur so ein penetrantes Parfüm tragen?!

Frau liegt im Bett und greift sich mit beiden Händen in die Haare – Thema: Rückzug während einer Migräneattacke

Der Albtraum beginnt

6) Die Nerven liegen blank

Endlich zuhause. Ich muss noch eine letzte Mail schreiben, da mein Auftraggeber ab morgen im Urlaub ist und mir noch wichtige Informationen für einen Artikel fehlen. Doch da, wo mein Gehirn sein sollte, befindet sich ein pulsierendes Schwarzes Loch. Meine Konzentration hat sich endgültig verabschiedet. Ich tippe und lösche, tippe und lösche. Suche nach Wörtern, lese denselben Satz dreimal, ohne dass der Inhalt bei mir ankommt und schließlich vergesse ich, was ich eigentlich fragen will. Mir kommen die Tränen, weil ich nichts mehr auf die Reihe kriege. Irgendwann werden bestimmt alle die Schnauze voll von mir und meiner Unzuverlässigkeit haben. Warum muss ausgerechnet ich diese Scheißmigräne haben?

7) Der Rückzug beginnt

Erschöpft klappe ich den Laptop zu, als mich eine erste Welle der Übelkeit erreicht. Höchste Zeit für die Horizontale. Ich gehe ein letztes Mal zur Toilette, stelle vorsichtshalber einen Eimer neben das Bett und ziehe die Vorhänge zu. Dann lege ich mich hin. Endlich. Ich lasse die Stille und die Dunkelheit auf mich wirken. Vor meinen Augen tanzen pulsierende Flecken, die Übelkeit nimmt zu und plötzlich wird mir kalt. Obwohl ich unter der Decke liege, habe ich Gänsehaut am ganzen Körper und fange an zu zittern. Erst jetzt bemerke ich meine eiskalten Hände und Füße. Der Hypothalamus spielt verrückt, mein Gehirn beginnt, dem Körper falsche Signale zu senden.

»Plötzlich wird mir kalt. Ich habe Gänsehaut und fange an zu zittern. Mein Hypothalamus spielt verrückt und das Gehirn beginnt, falsche Signale zu senden.«

8) Überlebensmodus

Mit klappernden Zähnen und unerträglichen Kopfschmerzen liege ich da und versuche möglichst flach zu atmen, da das Heben und Senken meiner Brust sowohl die Schmerzen als auch die Übelkeit befeuert. Plötzlich läuft mir die Spucke im Mund zusammen und mein Magen beginnt zu krampfen. Vorsichtig taste ich nach dem Eimer und versuche kurz, in der Position auszuharren. Doch dann muss es schnell gehen. Zitternd übergebe ich mich, während mein Kopf unter den schrillen Stichen zu platzen droht. Von den Schmerzen wird mir schlecht, das Würgen befeuert wiederum die Schmerzen – ein Teufelskreis. Irgendwann kommt nur noch Galle. Tränen tropfen in den Eimer. Ich bin am Ende meiner Kräfte.

»Zitternd übergebe ich mich. Von den Schmerzen wird mir schlecht, das Würgen befeuert die Schmerzen – ein Teufelskreis. Ich bin am Ende meiner Kräfte.«

Kein Ende in Sicht

9) Wenn das Triptan kickt

Mein Zeitgefühl ist mir inzwischen abhandengekommen. Wie lange liege ich schon hier? Zwei Stunden? Zwanzig Minuten? Ich weiß es nicht. Die Hoffnung, dass das Notfallmedikament noch anschlägt, beginnt langsam zu schwinden. Immerhin friere ich nicht mehr, die bitterliche Kälte ist plötzlichen Hitzewallungen gewichen. Ich habe mich von der Decke befreit und liege – wie ein Seestern – mit ausgestreckten Armen und Beinen da. Auf meiner Haut hat sich ein kühlender Schweißfilm gebildet. Ich schließe die Augen und plötzlich legt sich ein Schalter um: In meinem Körper breitet sich ein wohliges Kribbeln aus, die Übelkeit lässt schlagartig nach und meine pulsierende Kopfhälfte wird in Watte gepackt. Und dann kommt er – der erlösende Schlaf.

10) Der Tag danach

In der Nacht schrecke ich mehrfach hoch. Der Anfall ist zwar überstanden, aber mein Herz rast, weil sich der Körper noch von dem Stress erholt. Außerdem ist das Gleichgewicht meiner Neurotransmitter (wie Serotonin, Dopamin und Adrenalin) durch die heftigen Schmerzen durcheinandergeraten. Mein Gehirn ist mit hormonellen Aufräumarbeiten beschäftigt und auch mein überreiztes Nervensystem wird sich erst in den kommenden 48 Stunden erholen. Am nächsten Morgen fühle ich mich, als hätte ich den schlimmsten Kater meines Lebens. Meine Energiereserven sind aufgebraucht und ich fühle mich wie unter einer Glasglocke – zittrig, ausgelaugt und weit weg vom Geschehen. Doch ich setze ein Lächeln auf und hole die abgesagten Meetings nach, schließlich falle ich schon oft genug aus.

Diana Ringelsiep
Journalistin, Autorin und Migräne-Patientin
Kolumne: #mittwochsistmigräne

Ich lebe seit über 20 Jahren mit Migräne und habe es mir zur Aufgabe gemacht hat, über die neurologische Erkrankung aufzuklären und Vorurteile abzubauen. Auf dass Betroffene sich weniger einsam und Angehörige weniger hilflos fühlen.
  • Jahrgang 1985
  • Kulturjournalistin, M. A. (2012)
  • Wohnhaft in Essen
www.diana-ringelsiep.de
Foto: Manuel Paulus